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von Elise und Theodor Semmler
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1. Vorwort
2. Einleitung
3. Kirchenporträts
3.1 Wellering-
hausen
3.2 Rhena
3.3 Neerdar
3.4 Schweinsbühl
3.5 Eimelrod
3.6 Usseln
3.7 Imminghausen
3.8 Nieder-Ense
3.9 Goddelsheim
3.10 Berndorf
3.11 Mühlhausen
3.12 Twiste
3.13 Adorf
3.14 Heringhausen
3.15 Flechtdorf
3.16 Alt-Rhoden
4. Einflüsse und Zusammenhänge
4.1 Einfluss des Klosters Corvey
4.2 Einfluss Bau-
schule Lippoldsberg
5. Literatur

1. Vorwort

Während eines Erholungsaufenthaltes in Usseln beeindruckte uns die Häufung von romanischen Dorfkirchen in der Umgebung. Aus der Beschäftigung mit ihnen erwuchs der Plan, dieses Phänomen durch eine kleine Abhandlung zu beleuchten. Der Leser möge bei der Beurteilung der vorliegenden Arbeit einen milden Maßstab anlegen; denn meine Frau ist eine Gelegenheitsfotografin und ich bin kunstgeschichtlicher Laie.
Bei der Bearbeitung unseres Themas „Romanische Dorfkirchen im nördlichen Waldecker Land“ fanden wir vielfältige Unterstützung. Wir bekamen bereitwillig Auskünfte von Ortskundigen, besonders von den Pfarrern der Kirchengemeinden. Stellvertretend möchten wir den Stadtarchivar von Korbach, Herrn Wilhelm Hellwig, nennen.
Herrn Karl Thomas, Korbach, der sich der Mühe einer eingehenden Durchsicht unserer Arbeit unterzog, verdanken wir wertvolle Hinweise und Informationen, die wir jeweils im Nachtrag verwertet haben. Eine Fahrt mit ihm, auf der wir mehrere Kirchen besichtigten, gab uns den Anstoß, einige Ergänzungen zu den Porträts der Kirchen von Welleringhausen, Neerdar, Schweinsbühl, Rhena und Nieder-Ense zu verfassen.
Bei der Vermittlung der Literatur halfen uns die Bibliotheken von Lünen, Korbach und Münster. Die Textgestaltung übernahm unser Sohn Thomas. Für alle Hilfeleistungen sind wir sehr dankbar.

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2. Einleitung

Das nördliche Waldecker Land hat auffallend viele romanische Dorfkirchen. Besonders erstaunlich ist es, dass diese Kirchenbauten in sehr kurzer Zeit (1170 bis 1200) entstanden sind. Gottfried Kiesow vermutet, dass damals ein großer Wohlstand geherrscht haben muss, so dass selbst kleine Dörfer verhältnismäßig aufwändige Basiliken bauen lassen konnten. Wenn diese Annahme im Ganzen wohl zutreffen wird, muss man sicher im Einzelnen differenzieren. Es gab auch in dieser Zeit weniger wohlhabende der Orte, die sich mit einer kleinen Saalkirche begnügen mussten. Dafür werden unter anderem landschaftliche Unterschiede von Bedeutung sein.
Das nördliche Waldeck lässt sich in drei Teilräume gliedern: das Waldecker Upland und das Vorupland liegen auf der östlichen und nordöstlichen Abdachung des Rheinischen Schiefergebirges zum nordhessischen Tafelland hin. Die dritte Teillandschaft, die Waldecker Hochfläche, gehört schon zum hessischen Berg- und Hügelland.
Das hoch gelegene Upland ist ein Bergland von 600 bis 800 m Höhe. Es hat eine karge Natur mit ertragsarmen Böden und langen schneereichen Winter. Hier überwiegen die kleinen einschiffigen Saalkirchen. Die ursprünglich als Basilika erbaute St. Kilian-Kirche in Usseln bildet eine Ausnahme, wohl weil Usseln jahrhundertelangMittelpunkt des Uplands war.
Die naturräumlichen Verhältnisse im Vorupland sind etwas günstiger. Dieses Schiefergebirgsbergland fällt von 500 m Höhe an den Rändern bis auf 350 m im Adorfer Grund ab. Es hat zwar im Ganzen eine mäßige natürliche Ertragfähigkeit, aber stellenweise auch fruchtbare kalkreiche Verwitterungsböden. Hier finden wir zahlreiche Basiliken. Die kleine Saalkirche von Sudeck ist eine Ausnahme.
Die Waldecker Hochfläche um Korbach ist ein flaches, teils hügeliges Vorland des Rheinischen Schiefergebirges mit fruchtbaren Zechstein- und Buntsandsteinböden. Das Klima ist im Regenschatten des angrenzenden Berglandes relativ trocken . Boden- und Klimagunst machen es bei lohnender Landwirtschaft verständlich, dass hier Basiliken vorherrschend sind. Selbst die einschiffigen Kirchen in Nieder-Ense und in Immighausen haben größere Ausmaße als die Uplandkirchen.
Im folgenden Hauptteil sollen die Porträts der von uns besuchten Kirchen erstellt werden.

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3. Kirchenporträts


3.1 Die evangelische Kirche von Welleringhausen

Die Welleringhauser Kirche gehört zu den kleinsten unter den Waldecker Dorfkirchen. Als Bauzeit wird das letzte Viertel des 12. Jahrhunderts angenommen. Erstmals erwähnt wurde die Kirche 1351. Eigenständige Pfarrei war Welleringhausen nur zu Anfang des 14. Jahrhunderts. Danach blieb sie Filialgemeinde mit wechselnder Zugehörigkeit. Seit 1969 ist das Dorf dem Kirchspiel Usseln angegliedert.
Die Kirche steht auf dem höchsten Punkt am Nordrand des Ortes. Sie ist aus mächtigem Grauwacke-Mauerwerk aufgebaut. Man sieht ihr an, dass sie in kriegerischen Zeiten als Zuflucht gedient haben mag. Der Charakter der ursprünglichen Wehrkirche wurde durch die Befestigung des Kirchhofs unterstrichen. Letzte Reste sind die beiden barocken Pfeiler zur Dorfseite hin.
Die kleine Kirche von Welleringhausen verkörpert den Typ der dreifach gestuften Staffelkirche des Waldecker Uplandes (vgl. Zeichnung 2). Kennzeichnend für den romanischen Stil ist es, dass die drei Raumteile: der eingezogene Chor, das einjochige, kurz rechteckige Schiff und der quadratische Westturm wie in einem Baukastensystem aneinander gesetzt sind. Alle drei haben ein Satteldach mit gleicher Neigung und geben der Kirche mit ihrer getreppten Firstlinie eine „charakteristische Silhouette“ (Kiesow). Die ursprünglich kleinen rundbogigen Fenster unterbrachen die ungegliederten Mauerflächen. Sie wurden im 15. und 17. Jahrhundert erweitert. Durch das schlichte rundbogige Südportal, das in eine Rundbogenblende eingelassen ist, gelangt man in das Innere der Kirche.
Alle drei Innenräume sind mit Hängekuppeln überwölbt. Gewölbegrate sind nur in Ansätzen zu erkennen. Der Chorbogen ist auffallend eng. Er ruht auf Kämpfern mit Platte, Plättchen, Wulst und Kehle. Zum Turmraum hat man durch eine kleine Rundbogenöffnung Zugang. Die Tür in halber Höhe der Westwand des Schiffes führt vom Turm aus auf die Empore. Diese wurde 1963 abgebrochen. Die Querwände des Schiffes trennen die drei Raumteile auch innen deutlich voneinander. „Das Drei-Raum-System hat damit in Welleringhausen seinen konzentriertesten Ausdruck gefunden“ (Bau- und Kunstdenkmäler, Seite 12).
Die barocke Ausstattung ist typisch für viele Waldecker Dorfkirchen. Arbeiten einer Schule von künstlerisch begabten Holzschnitzmeistern aus der Zeit des 17. und 18. Jahrhundert schmücken sie in ansprechender Weise. Ältestes Stück ist in Welleringhausen der Altaraufsatz aus der Zeit um 1600. Das Altarblatt in der Mitte zeigt das Golgathageschehen. Seitlich stehen zwei Evangelisten in Blendfüllungen. Die Bekrönung mit Beschlagornamentik und Kruzifix ist noch grob geschnitzt. Feiner sind die Schnitzereien an der Umkleidung des Tabernakels an der Nordwand des Chores. Sie wurden 1702 er von dem bekannten Waldecker Bildschnitzer und Bildhauer Josias Wolrat Brützel gestaltet, dessen Arbeiten viele Waldecker Dorfkirchen ausschmücken. Das Tabernakel hat eine Epitaphform und wird von zwei gedrehten Säulen eingefasst. Verziert wird es durch Knorpelwerk und Akanthusornamentik. Die Kanzel ist aus Holz und stammt aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert. Der hohe Kanzelfuß und der Kanzelkorb mit seinem schönen oberen Abschluss haben dunkle Blendfüllungen mit farblich hervorgehobenen, schlicht geschnitzten Rahmen.
Eine Besonderheit Welleringhausens ist das als Frühwerk von Brützel 1675 geschnitzte Kirchengestühl. Bei einer Renovierung wurde es leider stark verändert, lässt aber immer noch „die Großartigkeit der Brützelschen Flachschnitzerei“ erkennen (Nieschalk/Kulik in Land an der Eder und Diemel, S. 116).
Bei der Bankrückwand vor dem Küsterplatz sind im Akanthusstil geschnitztes Blattwerk und Beschlagwerk der Renaissance unbekümmert nebeneinander verwendet. Ähnlich prächtig sind auch die symmetrisch gehaltenen Bankwangen gestaltet. Übrigens ist auch die feste Außentür von Brützel hergestellt.
Hier mag eine vorausschauende Würdigung Brützels eingeschoben werden. Er wurde 1653 in Immighausen geboren. Aus dem Schreinerhandwerk kommend, hatte er sich zum Bildschnitzer und Bildhauer mit großer Kunstfertigkeit und Ausstrahlung emporgearbeitet. Nach der Flachschnitzerei der Anfangszeit zeigen seine späteren Werke eine größere barocke Körperlichkeit und dekorative Vielfalt mit prachtvoll geschnitzten Frucht- und Blumengehängen aus Granatäpfeln, Weintrauben, Laub und Rosen und Engeln und Engelsköpfen. Diese Schmuckformen, von denen die im Folgenden dargestellten Altaraufsätze, Kanzelaltären und Kanzeln zeugen, symbolisieren Lebensfreude Brützelscher Arbeiten.
Nachtrag
Erwähnenswert ist die Taufe aus Sandstein. Auf einem quadratischen Fußblock steht ein stark gebauchter Schaft. Dieser trägt ein achtseitiges Becken mit runder Aushöhlung. Am Beckenrand sind ein Spruch in Kapitalen, das Steinmetzzeichen und die Jahreszahl 1662 eingehauen. Dieser Taufstein hat große Ähnlichkeit mit der Taufe in Twiste, die 1661 entstanden ist und das gleiche Steinmetzzeichen aufweist.

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3.2 Die St. Thomas-Kirche in Rhena

Das Dorf Rhena liegt am westlichen Rand des Uplandes, wo seine Erhebungen in die fruchtbare Hochfläche übergehen. Es ist ein sehr alter Ort. Schon 980 war er im Besitz des Klosters Corvey. Die Thomas-Kirche steht abseits der Hauptstraße auf dem „Kleppenberg“ genannten Kirchhügel. Hier war auch der Sitz der Herren von Rhena, einem bedeutenden Adelsgeschlecht, das lange Zeit das Patronat der Kirche innehatte. Wo früher die Burg stand, befindet sich heute ein Gutshof.
Die Kirche wurde1120 erbaut und hat große Ähnlichkeit mit der Kirche von Welleringhausen. Ihr mächtiges Mauerwerk und ihre kleinen Fenster deuten darauf hin, dass auch sie einst eine Wehrkirche war. Ihre Bauglieder sind wie in Welleringhausen blockweise aneinandergesetzt. Sie hat aber größere Ausmaße. Das längsrechteckige Schiff ist zweijochig. Besonders reizvoll wirken die aufsteigenden Giebel von Rechteckchor, Schiff und Glockenturm mit den gleichmäßig geneigten Satteldächern.
Im Innern der Kirche finden wir die gleiche Folge deutlich voneinander abgesetzter Räume, allerdings abgeschwächt durch den größeren Chorbogen, der ursprünglich enger war. Durch eine schlichte Rundbogentür betritt man die Eingangshalle des Turmes. Dieser hat im Glockengeschoss gekuppelte Schallarkaden und kleine rundbogige Öffnungen.
Das wuchtige Gewölbe des Turmraumes gibt einem das Gefühl, man müsste sich bücken. Durch eine Rundbogenöffnung, dem so genannten kleinen Triumphbogen, gelangt man in das hell strahlende Kirchenschiff. Durch eine große Renovierung von 1951 erhielt es Licht und Farbe. Die Mauerbogen über den Fenstern und die Eck- und Mittelvorlagen lassen erkennen, dass das Schiff einmal eingewölbt war. Besonders zu beachten sind die langen konsolenartigen Aufsätze, die einst Gewölbebogen trugen. (Ich werde darauf noch zurückkommen)
Wegen Baufälligkeit ist das Gewölbe im 17. Jahrhundert durch eine flache Cassettendecke ersetzt worden.
Der Chorraum ist durch den größeren Triumphbogen weit geöffnet und durch ein Kreuzgratgewölbe bedeckt. Auf dem blockförmigen Altar steht ein wunderschönes Kruzifix aus dem 13. Jahrhundert. Die massive Taufe aus Sandstein stammt aus dem 12. Jahrhundert. Bemerkenswert ist ihre Verzierung in Kerbschnittmanier: Am oberen Rand Palmettenranken, dazwischen Vögel und Köpfe, darunter ein Kranz halber Rosetten in Ritzmanier.
Kunstgeschichtlich bedeutend ist das romanische Stufenportal mit Tympanon an der Südseite des Schiffes. Von den eingestellten Säulen sind nur die Würfelkapitelle erhalten. Sie sind durch verschlungenen Bändern und Palmetten ornamentiert. Im zweigestuften Bogenfeld des Tympanon thront Christus als Weltenrichter. Er erhebt segnend seine Rechte und hält in der Linken ein Buch. Ihn umgeben die Sinnbilder der Evangelisten, links der Matthäus-Engel in rechteckiger Fensterumrahmung und der Markus-Löwe, rechts der Johannes-Adler und der Lukas-Stier. Die Tympanondarstellung ist ein Flachrelief aus Sandstein aus der Zeit von 1160 bis 1180. Man nimmt an, dass sie aus einer westfälischen Bildhauerwerkstatt stammt.
Nachtrag
Sehenswert sind an der Nordwand des Kirchenschiffs ein Abendmahlsbild aus dem Jahre 1800 und an der Südwand ein modernes Bild, die Flucht nach Ägypten darstellend, von 1950.
An der linken Chorwand stehen zwei gusseiserne Grabplatten, die der Kirchenpatron Arnolf von Rhena seinen beiden Ehefrauen Catharina, geborene von Padberg (= 1568) und Elisabeth, geborene von Spiegel (= 1572) setzen ließ. An der Chorwand gegenüber ließ er sich selbst noch zu Lebzeiten eine Grabplatte aufstellen. Bei den Grabplatten für die Ehefrauen steht in der Mitte die Grabschrifttafel in einer Rollwerkkartusche. Im oberen Teil sind Wappentafeln platziert und unten jeweils eine Reliefdarstellung „Jüngstes Gericht“ bzw. „Kreuzigung Christi“. Die Grabplatte für Arnolf von Rhena trägt oben drei Wappen, die von Rhena, Padberg und Spiegel. Darunter ist die Kreuzigung Christi dargestellt. Am Fuß des Kreuzes knien der Stifter und seine beiden Frauen. Engel halten lange Spruchbänder.
Besonders wertvoll ist das Kruzifix aus dem 13. Jahrhundert auf dem Altar. Hier wird der Übergang von der Romanik zur Gotik sichtbar. Das Antlitz des Gekreuzigten erscheint ruhig, frei von Schmerz und Todesqual. Die ein wenig geöffneten Augen betonen das Leben und nicht den Tod. Randleisten an den Kreuzbalken sind öfter an romanischen Kruzifixen zu sehen. Die Körperformen sind mehr wie auf gotischen Kruzifixen gestaltet. Die Arme sind leicht gewinkelt und nicht streng waagerecht, der Rumpf ist natürlich geformt und nicht gestrafft, die Beine verlaufen nicht parallel sondern leicht übereinander, die Füße sind nicht einzeln genagelt, sondern von einem einzigen Nagel durchbohrt. Steht bei der Romanik die Überwindung des Todes im Mittelpunkt, so betont die Gotik das Leid, das der menschgewordene Christus für uns Sünder erduldet.

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3.3 Die St. Pankratius-Kirche in Neerdar

Schutzpatron der Kirche ist der legendäre Heilige Pankratius, der als 14-jähriger Märtyrer bei der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian im Jahr und 304 enthauptet wurde. Es gilt als sicher, dass Neerdar im 12. Jahrhundert als Pfarre eingerichtet wurde. Heute wird es vom Pfarramt Rhena betreut.
Die Kirche von Neerdar ist eine spätromanische Anlage. Sie wurde nach dem Grundmuster der Staffelkirchen des Uplandes erbaut. Dem entsprechen der quadratische Chor, das rechteckige Schiff und der quadratische Turm. Die Satteldächer von Chor und Schiff werden überragt von dem hohen Westturm mit seinen schiefergedeckten vierseitigen Pyramidendach. Der alte baufällige Kirchturm wurde 1851 abgebrochen und neu erbaut. Das Turmmassiv hat vier Fenstergeschosse: im unteren allseitig Gruppen von je vier Rechtecköffnungen, im mittleren je ein rundbogiges Fenster und im oberen je zwei Schallöffnungen in Rundbogenform. Die spitzbogige Eingangstür und die Spitzbogenfenster im Chor sind Hinweise auf die spätromanische Entstehung des Baus.
Im Inneren ist auch der Chorbogen leicht spitzbogig. Im Chor tragen Wandbögen das Hängekuppelgewölbe. Das Kämpferprofil der Bogenpfeiler aus Platte, Plättchen und Wulstkehle erinnert an Welleringhausen.
Das Kirchenschiff ist ein schlichter Saal. Das ursprünglich zweijochige Gewölbe ist an den noch vorhandenen Wandbögen zu erkennen. Es wurde wie in Rhena durch eine flache Balkendecke ersetzt. Die Fenster sind rechteckig. Die Tür zum Turmraum hat ein rundbogiges Gewände.
Glanzstück der barocken Ausstattung ist der mächtige Altaraufsatz von J. W. Brützel, der den Chorraum beherrscht. Über eine niedrige Predellazone ist das Altarblatt rundbogig umrahmt. Das Altarbild zeigt eine eindrucksvolle Darstellung des Jüngsten Gerichts. Christus als Weltenrichter steht über den Wolken. Engel blasen die Posaunen. Die Toten erheben sich aus den Gräbern. Zur Rechten Christi stehen die Geretteten. Die Gliedmaßen und Köpfe der Verdammten werden in den Drachenschlund gerissen. Zwei gedrehte weinlaubbekränzte Säulen flankieren das Altarblatt. Bemerkenswert ist die Belebung der Seitenteile und der Bekrönung mit vielfältigen barocken Ornamenten und geflügelten Engelsfiguren. Der Taufstein aus dem 17. Jahrhundert besteht aus Sandstein. An zwei Seiten des quadratischen Sockels ist der Waldecker Stern im Spiegelfeld eingemeißelt. Über einem der Spiegelfelder stehen die Initialen des Stifters Georg Friedrich Graf und Herr zu Waldeck. Auf kurzem rundem Schaftstück folgt das Becken mit beträchtlicher Aushöhlung.
In der Rollwerkkartusche in der Mitte steht der Spruch „Selig sind, die Gottes Wort hören und beachten“.

Nachtrag
An der nördlichen Chorwand ist außen die flache Plastik eines gekrönten Männerkopfes eingemauert. Man weiß nicht, welche Bewandtnis diese Kopfdarstellung hat. Es hat sich keine befriedigende Deutung gefunden.
In Neerdar sind die Außenseiten der Bankwangen durch kunstvolle Flachschnitzereien geschmückt. Die Motive sind so vielfältig, dass keins dem anderen gleicht. Abgebildet ist auf der einen Wange Rankenwerk, das sich zu Voluten dreht und teilweise in Blättern und Blüten endet. Auf der anderen Wange sind Weinreben mit stilisierten Früchten dargestellt.
Eine Inschrift in Kapitalen auf dem vorderen Abschlussbrett des Kirchengestühls auf der linken Seite des Kirchenschiffs besagt, dass die namentlich aufgeführten Provisoren (Kirchenvorsteher) das Gestühl 1672 durch Johann Christoph Höhlen anfertigen ließen. Höhlen ist in einer Reihe mit den bedeutenden Waldecker Bildschnitzern Jost Schilling und Josias Wolrad Brützel zu nennen.

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3.4 Die St. Georg-Kirche in Schweinsbühl

Seit 1075 hatte das Kloster Corvey Besitz in Schweinsbühl. Corvey besaß dann auch das Patronat über Kirche und Gericht in Schweinsbühl. Der Ort war Sitz eines Gogerichts mit einem Freistuhl westlich der Kirche.1354 kam das Patronat zum Lehen an Johann von Padberg und die Gebrüder von Scalenberg. In der Folgezeit hatten Landadlige und abwechselnd der Graf von Waldeck das Patronat und verfügten damit über die reichen Einkünfte. Die Abgaben wurden in der Zehntscheune nahe der Kirche gelagert. Schon die Mönche von Flechtdorf legten ihre Klosterpfarrei nach Schweinsbühl. Um 1530 wurde die St. Georg-Kirche evangelisch und Flechtdorf Filialgemeinde von Schweinsbühl. Bis 1792 war schon Schweinsbühl eine selbstständige Pfarrei. Heute wird die Kirchengemeinde Schweinsbühl von Rhena aus betreut.
1180 bis 1190 entstand das romanische Kirchlein. Es ist einjochig und einschiffig. Statt des sonst häufigen Rechteckchores schließt sich eine Halbrundapsis im Osten an das Schiff an. Der Westturm blieb unvollendet. Sein rechteckiger Unterbau verlängert das Kirchenschiff nach Westen. Über dem Westgiebel ersetzt ein vierseitiger Dachreiter den Kirchturm. Er hat einen achtseitigen Helm mit Schieferbedeckung. An der Südseite des Schiffes hat man Zugang zum Kircheninneren durch ein schlichtes spitzbogiges Portal in einer rundbogigen Blende mit gefastem (abgeschrägtem) Gewände.
Rechts darüber sieht man ein kleines rundbogiges Fenstern mit schräger Laibung, wie ursprünglich in romanischen Bauten üblich. An der Nordseite der Kirche erkennt man ein verlängertes Rundbogenfenster im Schiff und im Apsisrund drei kleine Rundbogenfenster.
Das Innere ist ganz mit einem kuppeligen Kreuzgewölbe mit bis zum Scheitel verlaufenden Graten bedeckt. Im Gegensatz zu den deutlich getrennten Teilräumen in Welleringhausen hat man hier den Eindruck eines schönen einheitlichen Raumes. Der Chorbogen ist weit gespannt und wenig eingezogen. Die makellos gemauerten Gewölbe und Rundbögen sind eine architektonische Meisterleistung und machen die Schönheit des Innenraumes aus. Besonders eindrucksvoll ist der zweifache Chorbogen, der das Schiff zur Apsis hin öffnet. So ist die Meinung verständlich, dass Schweinsbühl eine der schönsten Dorfkirchen des Waldecker Landes besitzt.
Der Wohlhabenheit der Kirche von Schweinsbühl in früheren Zeiten entsprach auch die Ausstattung.1669 wurde eine wertvolle geschnitzte Barockkanzel aufgestellt. Etwas später (1699) bekam die Kirche einen geschnitzten Altaraufsatz des Waldecker Bildhauers J. W. Brützel. Der Altar selbst stammt aus der Entstehungszeit der Kirche. Über der Predella des ausgelagerten Aufsatzes wird das gerahmte Altarblatt mit einer neueren Kruzifixdarstellung von zwei gewundenen Säulen umgeben. Die Seitenteile sind reich mit Schnitzwerk verziert. Zwei Giebelecken bilden den oberen Abschluss. Putten bekrönen ihn.
Der Altaraufsatz von Schweinsbühl ist zwar nicht groß, aber eben doch im architektonischen Aufbau ein geschlossenes echt „brützeltypisches Werk“ (Misschalk/Kulik in „Land an der Eder und Diemel“, Seite 116).
Nur die hübsche romanische Taufe verblieb in Schweinsbühl. Der zylindrische Taufstein wird rundherum mit auf Flachsäulen mit schmalen Kämpfern fußenden Rundbögen verziert. Die länglichen Felder dazwischen und der obere Rand sind farblich hervorgehoben.
Nachtrag
An der Westwand ist eine bis auf das Bogenfeld vermauerte Rundbogenpforte zu erkennen. Darüber befindet sich ein Rundfenster mit leicht gefastem Gewände . Bis 1797 hatte der Pfarrer von Schweinsbühl auch Deisfeld mit zu versorgen. Damit hängt zusammen, dass sich der Name „Deisfelder Pforte“ bis heute erhalten hat.
Die sechsseitige Kanzel steht auf einem Steinsockel und ist mit reichen Flachschnitzereien bedeckt, eine sehenswerte Arbeit, vermutlich aus der Hand eines künstlerisch begabten örtlichen Handwerkers. Auf den Seitenflächen des Kanzelkorbes stehen in der Mitte zwischen Pilastern Rundbogenarkaden auf Flachsäulen. Im oberen und unteren Teil ziert barockes Bandelwerk die schmale Fläche. Unter der Brüstung ist ein Bibelspruch in Kapitalen eingeschnitzt. An der Innenseite der Kanzel wurde ein Ablagebrett mit Inschrift angebracht.

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3.5 Die evangelische Kirche in Eimelrod

Auf den ersten Blick scheint die klassizistische Kirche von Eimelrod nicht in die Reihe der romanischen Dorfkirchen hineinzupassen. Aber an dieser Stelle war schon im 12. Jahrhundert eine romanische Vorgängerkirche vorhanden. Erstmals erwähnt wurde sie 1310. Das Kirchenschiff erbaute 1827 der Baumeister Gülich von Grund auf neu. Der mittelalterliche Turm wurde 1909 wegen Baufälligkeit abgerissen und 1928 in der jetzigen Form errichtet.
Das Schiff der Kirche ist ein rechteckiger Bau mit Sockel aus Natursteinen, verputztem Oberteil und durch Lisenen verstärkten Ecken. Das Ostportal ist rechteckig und hat eine zweiflügelige Vierfüllungstür. Im Giebel darüber sieht man in einem im Putz vertieften Rundfeld ein schlichtes aufgelegtes Kreuz. Aus dem romanischen Vorläuferbau ist im neuen Turm ein altes Tympanonrelief aus weißem Sandstein wieder vermauert. Ähnlich wie Rhena wird auf dem Flachrelief der thronende Christus mit segnend erhobener Hand dargestellt. Die linke Hand ist auf ein Buch gestützt. Auf der linken Seite, kaum zu erkennen, ist ein Mann zu sehen, der Christus ein Tier darbringt. Die rechte Seite ist unbearbeitet. Die große Ähnlichkeit in Motiv und noch grober Darstellungstechnik lässt vermuten, dass das Tympanon aus derselben westfälischen Werkstatt stammt wie das von Rhena.
Im Inneren stellt sich die Kirche als schlichter Saalbau mit großer Holztonne und dreiseitiger Empore dar. An der Turmseite - die Kirche ist gewestet - steht in einer großen rundbogigen Blende mit flachen kanilierten Eckpfeilern und Flachgiebelabschluss ein Kanzelalter. Auch der Orgelprospekt entspricht mit Ziergiebel, Rosetten, Zahnleisten und Scheibenfries dem Zeitgeschmack. Von dem ehemaligen Kanzelalter von J. W. Brützel aus dem Jahre 1697 steht nur noch der Kanzelkorb in Eimelrod. Die beiden prachtvollen Seitenflügel befinden sich im Korbacher Museum. Die Reproduktion eines Flügels zeigt einen lebendig dargestellten Engel, mit dem einen Flügel nach oben weisend, und sich mit dem anderen nach unten auf schwungvoll geschnitztes Akanthusblattwerk stützend. In seiner Mitte hängt an einem langen am Hals des Engels befestigten Stiel ein Fruchtstand mit drei exotischen Früchten. Bewundernswert sind die handwerklich gekonnten Schnitzformen und die gelungene farbige Fassung der Arbeit.

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3.6 Die St. Kilian-Kirche in Usseln

Größere Ausmaße als die kleinen Kirchen des Uplandes hat die Usselner Kirche. Das mag damit zusammenhängen, dass Usseln jahrhundertelang und schon im Mittelalter wirtschaftlicher und kirchlicher Mittelpunkt des Uplandes war. Zum Kirchspiel Usseln gehörten sehr früh die kleinen Siedlungen Willingen, Schwalefeld und Rattlar. Die Kirche wurde in der Mitte des 14. Jahrhunderts als spätromanische dreischiffige gewölbte Basilika erbaut und dem Heiligen Kilian geweiht.1378 wurde erstmals ein Pfarrer erwähnt. Im 19. Jahrhundert erfuhr die Kirche eine umfassende bauliche Veränderung.1882 stürzte der Turm ein und wurde sieben Jahre danach abgebrochen.1896 erfolgte der Umbau des Turmes und des Langhauses. Die Seitenschiffe wurden hochgezogen und mit dem Mittelschiff unter einem großen schiefergedeckten Satteldach vereint. So entstand nachträglich aus der Basilika eine dreischiffige Halle.
Durch alle Zeiten blieb der Kirchengrundriss bis heute erhalten. Betrachtet man die Kirche von Osten, so erscheint sie mit quadratischem Chor, rechteckigem Langhaus und mächtigem quadratischem Turm gestaffelt. Trotz des Umbaus ist so ein Grundzug der Uplandkirchen gewahrt. Vom mittelalterlichen Bau sind der romanische Ostchor, allerdings schon mit Spitzbogenfenstern, sowie Teile des basilikal angelegten Langhauses erhalten. Der Chor ist ein verputzter Sandsteinbau. Die unteren Langhausfenster sind noch rundbogig, die Fenster der Dachgauben sind groß und trapezförmig, die Fensteröffnungen des Turmes rechteckig gemauert.
Durch das Turmportal gelangt man in das Innere der Kirche. Der Turmraum ist weit zum dreischiffigen Langhaus geöffnet. Man hat eigentlich nicht den Eindruck einer großen Halle, denn die Emporen zwischen den alten Mittelschiffpfeilern begrenzen den Blick in die Seitenschiffe. Nur der nördliche Pfeiler trägt noch das romanische Kämpferprofil mit Palmetten und Schachbrettfries. Die Kämpfer der anderen Pfeiler und der Eckvorlagen sind mit Platte, Plättchen und gedrücktem Wulst profiliert. Sie tragen die Gurt- und Schildbögen des Kreuzrippengewölbes. Auf der nördlichen Empore ist nahe dem Chor die Orgel von 1897 mit rundbogig verziertem Prospekt aufgestellt.
Der Triumphbogen und die Wandbögen im Chor sind schon schwach spitzbogig, letztere ruhen auf Konsolen. Der Chorraum ist mit einem Hängekuppelgewölbe überdeckt.
An der Ostwand des Chores steht der Altar mit dem sehenswerten Aufsatz von 1693. Er ist eines der bekanntesten Werke J. W. Brützels. Das Altarbild zeigt den gekreuzigten Christus an einem Lebensbaum, dessen beblätterte Zweige sich fast bis zur Erde neigen. Unter dem Kreuz stehen die von Hunger, Not und Elend des 30-jährigen Krieges geschundenen Menschen und fangen das Blut als erlösende Gabe Jesu auf. Der Spruch unter dem Bild lautet:
Vom Heiligen Abendmahl.
Jesu der Lebensbaum uns seine Frucht erteilet,
die armen Seelen heilet,
macht uns im Himmel Raum.
Die Umrahmung ist durch üppige Schnitzereien verziert. Die gewundenen Säulen zu beiden Seiten des Altarsblattes sind laubbekränzt und haben korinthische Kapitelle. Besonders ausladend sind die Seitenteile des Altaraufsatzes gestaltet. Auffallend ist der reichte figürliche Schmuck. Die im Rahmen unter Muschelornamenten stehenden Heiligenfiguren werden flankiert von großen geflügelten Engeln. Umgeben werden die Figuren von Schnitzwerk mit Volutenformen. Fruchtgirlanden verbinden die Seitenflügel mit der kunstvoll ausgearbeiteten Bekrönung, die große Ähnlichkeit mit der von Neerdar hat. An ihrer Spitze strahlt eine leuchtende Sonne.
Das noch ursprüngliche Altarblatt und seine Umrahmung bilden einen der schönsten von Brützel geschaffenen Altaraufsätze „voller Harmonie und Ausstrahlungskraft“.
In der Nordwand des Chorraumes befindet sich eine Sakramentsnische mit Maßwerkkrönung. Bemerkenswert ist das Kleeblattornament im Spitzbogen mit einem sechsstrahligen Stern.

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3.7 Die St. Vitus-Kirche in Immighausen

Die 1180 erbaute Kirche liegt oberhalb des Ortes. Sie wurde dem Heiligen Vitus geweiht. Damit hat sie das gleiche Patrizinium wie das Kloster Corvey. Sein Einfluss zeigt sich auch darin, dass die Kirche 1236 dem von Corvey gegründeten Kloster Schaaken inkorporiert wurde.
Das Kirchengebäude wurde auf sauber bearbeiteten Kalksteinquadern aufgeführt. Es hat große Ähnlichkeit mit der Uplandkirche von Rhena (Zeichnungen 3 und 4). Andererseits kann man beim Vergleich der Grundrissformen Übereinstimmungen mit der Basilika von Berndorf feststellen (Zeichnungen 5 und 6). Die Kirche von Immighausen ist die vereinfachte reduzierte Form der dreischiffigen Anlage von Berndorf (Dehio, Hessen) und ein Beispiel für die enge Verwandtschaft zwischen Saalkirchen und Basiliken in Waldeck.
Bei der Betrachtung des Äußeren der Kirche ist das mächtige sich nach oben etwas verjüngende Turmmassiv beeindruckend. Es hat ein Satteldach und an der Westseite eine rundbogige Doppelöffnung. Nach Süden und Norden sind im Obergeschoss je zwei gekuppelte Schallarkaden zu sehen. Die Tür zum Turm hat einen flachbogigen Sturz.
Das Schiff ist zweijochig und ohne Verbund mit dem Turm. An der Südseite wird die Eingangstür durch Pflanzenbewuchs verdeckt.
Sie ist durch ein rundbogiges Gewände eingefasst. Das Tympanon ist leer. Die Fenstern wurden 1745 vergrößert und lassen viel Licht einfallen.
Der rechteckige Chor hat nach Süden und Norden je ein kleines Rundbogenfenster. Im Osten ist das romanische Rundbogenfenster in gotisches Gewände eingesetzt. Neben den Fenstern sind je zwei längliche flache Blenden mit rundbogigen Doppelarkaden in die Chorwand eingelassen.
Zugang zum Inneren der Kirche hat man durch die Erdgeschosshalle des Turmes. Ihre Wände haben unverputztes Quaderwerk aus Bruchsteinen. Überwölbt wird der Raum durch ein Kreuzgewölbe mit Gratansätzen. An der Nordwand ist eine gusseiserne Grabplatte des 1716 verstorbenen Ludovic Becker aufgestellt. Solche Grabplatten der einheimischen Handwerkskunst findet man mehrfach in Waldecker Kirchen. Zum Schiff führt eine Rundbogenöffnung in Werksteineinfassung. Sie lässt die sehr mächtige Dicke der Trennwand erkennen.
Das Schiff ist ein klar gegliederter lichter Raum mit stark gebustem gratigem Kreuzgewölbe. Die Gewölbegrate sind farblich deutlich hervorgehoben, so dass der Eindruck eines Kreuzrippengewölbes entsteht. Die Wand- und Gurtbögen haben doppelte Wand- und Eckvorlagen. Das Kämpfergesims der Wandpfeiler ist durchweg einfach mit Platte, Plättchen, Wulst und Hohlkehle gestaltet. An den Langwänden im Norden und Süden gliedert ein Horizontalgesims die Wandfläche, eine Eigenart, die später noch erwähnt werden soll.
Im Chor entspricht das Kreuzgewölbe dem im Schiff. Auch Eckpfeiler, Kämpferprofil und Wandgesims sind ähnlich wie im Schiff gestaltet. Das Wandgesims dient als Sohlbankprofil für die Fenster. Der Triumphbogen war ursprünglich ähnlich eng wie in Welleringhausen. Er wurde erst in jüngster Zeit stark verbreitert.
Von der Ausstattung der Kirche ist die von Jost Schilling 1588 geschnitzte Renaissancekanzel bemerkenswert. Die Korbstütze ist ein achteckiger Pfeiler mit drei flügelartigen Vorlagen. Die Sockelzone ist mit geschnitzten Rollwerkkartuschen in Blendfüllungen geschmückt. Darauf stehen kanilierte Ecksäulen, die die Brüstung tragen. Zwischen den Säulen befinden sich Blendfüllungen in Arkadenform, drei von ihnen mit Reliefschnitzereien: Kruzifix mit Maria und Johannes und betende weibliche Gestalten.
Jost Schilling aus Immighausen war nächst Brützel ein bedeutender Holzschnitzmeister im Waldecker Land. Er lebte und wirkte vor Brützel zu Anfang des 17. Jahrhunderts. Seine Schnitzereien waren noch flächig in Manier der ausklingenden Renaissance gehalten. Er gehörte auch zu den bekannten Formschneidern jener Zeit, welche Models für den Guss eiserner Ofen- und Grabplatten in Waldeckischen Eisenhütten geschnitzt haben. Einige gusseiserne Grabplatten fanden wir in Immighausen und anderen Waldecker Kirchen.

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3.8 Die St. Petrus-Kirche in Nieder-Ense

Am Ortseingang aus Richtung Nordenbeck erhebt sich auf dem noch von einer Ringmauer umgebenen ehemaligen Friedhof die evangelische Pfarrkirche von Nieder-Ense. Sie wurde 1130 bis 1140 erbaut und dem Apostel Petrus geweiht. Vor der Reformation gehörte sie wie alle Waldecker Dorfkirchen zum bedeutenden Archidiakonat Horhusen (Niedermarsberg) im Bistum Paderborn.1542 erfolgte offiziell die Einführung des lutherischen Bekenntnisses. Kurz darauf hatte der Sohn des Waldecker Reformators Johannes Hefenträger das Pfarramt inne und war gleichzeitig Prediger auf dem damals noch bestehenden Schloss der waldeckschen Grafen auf dem Eisenberg.
Das Äußere der Kirche entspricht dem Typus von Rhena. Allerdings hat der wahrscheinlich jüngere Turm kein Satteldach. Auf dem ungegliederten Massiv folgt ein schiefergedeckter Turmaufsatz mit achtseitigem Helm. Die Turmöffnungen sind romanisch, aber das Eingangsportal ist schon gotisch.
Der Ostchor ist ein verputzter Kalksteinbau mit drei rundbogigen Fenstern. Die Rundbogenfenster des Kirchenschiffs wurden in der Barockzeit vergrößert. Der Zugang zum Schiff war auch von den Seiten aus möglich, an der Nordseite durch ein heute zugemauertes Spitzbogenportal für die Frauen.
Das Innere der Kirche betritt man durch den Turmraum. Große Rundbogen gliedern die Wandflächen. Auf ihnen ruht ein schönes Kreuzgratgewölbe.
Das Kirchenschiff wird an der Westseite weitgehend eingenommen durch einen doppelstöckigen Emporeneinbau aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Von dem ehemaligen romanischen Gewölbe sind nur noch Reste vorhanden. Die Decke des Schiffes besteht heute aus einer rohen Holztonne mit Einschnitten für die Dachfenster. Der Chorbogen ist, wie für Waldecker Kirchen vielfach bezeichnend, sehr eng. Eckpfeiler mit eingestellten Säulen stützen das Gewölbe. Die Ostwand des Chores wird ganz eingenommen von dem fünf Meter hohen Barockaltar des Bildhauers Josias Wolrat Brützel aus Immighausen von 1700.
Ich halte mich im Folgenden eng an die Beschreibung des Altars durch den Pfarrer Koch aus Nieder-Ense: Zwischen den Säulen und weit ausladenden Seitenteilen war die Kanzel über dem Altartisch eingebaut. Leider musste sie 1948 entfernt werden. An Stelle der Kanzel wurde ein dem Brützelschen Stil nachempfundenes Altarbild von dem Kunstmaler Schliephake eingepasst. Das größte Werk Brützels ist prachtvoll ausgestattet. Auffällig treten die gedrehten mit dichten Frucht- und Blütengirlanden umzogenen Säulen hervor, die paarweise das heutige Altarblatt flankieren. Die einzelnen Schmuckformen, Ornamente wie Figuren, sind hervorragend ausgearbeitet. Der Altaraufsatz ist ein Stück heimatlicher Arbeit, die von der Nieder-Ensener Gemeinde sehr geschätzt wird.
Auf der rechten Seite des Chorraumes steht der von Wolrat Grave zu Waldeg gestiftete achtseitige Taufstein von 1550. Er ist aus einem Sandsteinblock geformt und trägt den eingemeißelten Waldecker Stern und als Inschrift den Bibelspruch Johannes 2,9. An der rechten Chorwand steht das Grabmal der Gräfin Anna von Waldeck, Erbtochter von Nordenbeck, aus Alabasta und Sandstein von 1594. Links neben dem Grabmal ist der Kirchenkasten von 1563 in die Wand eingearbeitet, der damals das Bargeld der Kirchengemeinde enthielt. Ein hölzernes Wappenschild des zweiten Ehemannes der Erbtochter von Nordenbeck ist an der Chorwand hinter dem Altar angebracht. Eine spätgotische Sakramentsnische vervollständigt die Ausstattung des Chorraumes.
Nachtrag
Neidköpfe (von ahd. nid = Hass) sind öfter an alten Kirchen und Burgmauern in Waldeck zu finden. Albert Nieschalk stellt allein acht im Bild vor. Die furchterregende Hässlichkeit der Menschenfratzen und Tierkopfreliefs sollen böse Geister abschre-
cken und Unglück fernhalten. Neidköpfe sind meist wahllos über die Wand verstreut. Manchmal sitzen sie auch nahe der Kirchenfenster. Hier sollen sie das Eindringen der Dämonen in den Kirchenraum verhindern. Wir fanden Neidköpfe in Nieder-Ense und einen auch in Goddelsheim.

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3.9 Die evangelische Pfarrkirche in Goddelsheim

Goddelsheim ist Mittelpunkt des „Goddelsheimer Feldes“, einer Kleinlandschaft der Waldecker Hochfläche. Bronzezeitliche Funde belegen die frühe Besiedlung. Fränkische Reihengräber nahe der Pfarrkirche lassen auf die Bedeutung des Ortes in frühgeschichtlicher Zeit schließen. Seit 888 ist Goddelsheim zu Corvey gehörig. Dieser Besitz führte 1189 zur Gründung eines Benediktinerinnenklosters, das aber schon 1223 nach Schaaken östlich von Goddelsheim verlegt wurde. Die enge Verbindung zur Kirche blieb aber, als diese 1236 dem Kloster Schaaken inkorporiert wurde. Drei adelige Güter, von denen das Gut derer von Gangrebe befestigt war und „Burg“ genannt wurde, bestanden noch 1738. Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurde in Goddelsheim Kupfer- und Silberbergbau betrieben. Heute ist der Ort Verwaltungssitz der Großgemeinde Lichtenfels.
Aus all dem wird die Mittelpunktsbedeutung Goddelsheims seit frühester Zeit deutlich. So ist es verständlich, dass am Nordostrand des Dorfes in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine große Wehrkirche in Form einer dreischiffigen romanischen Basilika errichtet wurde. 1773 brannte sie durch Blitzschlag vollständig aus. Nur das Mauerwerk von Chor, Mittelschiff und Turm blieb erhalten. Zehn Jahre dauerten dann die Wiederaufbauarbeiten. Die Seitenschiffe wurden nicht wieder errichtet.
Außen stellt sich die Kirche heute folgendermaßen dar: Auf den quadratischen Ostchor mit Walmdach folgt das höhere Schiff mit Satteldach und Fachwerk im östlichen Giebel. Die Fenster im Chor und Schiff sind rundbogig und groß. Der Westturm hat einen quadratischen Grundriss und ist nicht wesentlich höher als das Schiff. Er wurde mit einer schönen barocken Haube gekrönt. Sie ist verschiefert und hat eine achteckige Laterne mit hohem Zwiebelhelm.
In das Innere der Kirche gelangt man durch eine leicht spitzbogige Tür an der Nordwand des Turmes. Der Eingang an der Nordseite des ehemaligen Mittelschiffs ist durch die Öffnung einer Rundbogenarkade eines ehemaligen Seitenschiffs entstanden. An den zugemauerten Seiten des ehemaligen Mittelschiffs sind die Ansätze zu den Wölbungsbögen des Seitenschiffs noch zu erkennen. Die Rundbogenarkaden sind bis auf Lichtöffnungen im Bogenfeld zugemauert. Der Innenraum der Kirche zeigt nur noch wenig vom romanischen Ursprung. Im Kirchenschiff sind Gewölbeträger in Höhe des ursprünglichen Gewölbeansatzes erhalten. Auch die zwei Joche des Schiffes sind noch zu erkennen. Im Übrigen überwiegen die Veränderungen. Vom Turmraum wurde der Ostteil in das Schiff einbezogen. An Stelle des Gewölbes wurde eine Flachdecke eingezogen. Beherrschend sind die umlaufenden Holzemporen, die dem Innenraum eine klassizistische Note geben. Sie wurde 1782 von der Bergwerkgesellschaft gestiftet. Das Bergwerksemblem Schlägel und Eisen und das Monogramm der Gesellschaft wurden am Westteil der Empore angebracht.
Im Chorraum sind auf Holzsäulen stehende Arkaden allseitig eingebaut. Sie verdecken das dahinter befindliche Gestühl.
Altar und Kanzel haben eine schlichte Form. Alle Holzeinbauten sind wohltuend mit graublauen Farbtönen gestrichen.

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3.10 Die evangelische Pfarrkirche in Berndorf

Auf einer Anhöhe am Nordrand des Dorfes steht an exponierter Stelle die Kleinbasilika von Berndorf. Der Ort erscheint 1194 als Vorwerk des Klosters Flechtdorf. Die Kirche wurde Anfang des 12. Jahrhunderts erbaut und ist architektonisch von Flechtdorf stark beeinflusst worden.
Die aus hellem Kalkstein errichtete dreischiffige Pfeilerbasilika mit Chorquadrat und rechteckigem Westturm ist so gut erhalten, dass man ein jüngeres Alter vermuten könnte. Darin wird man bestärkt durch den neugotischen Staffelgiebel und den Dachreiter des Kirchturms. Das schlanke ungegliederte Turmmassiv ist älter. Es hatte im Westen einen heute zugemauerten rundbogigen Zugang zum ersten Obergeschoss. Innen bestand keine Verbindung zum Mittelschiff. Im Mittelalter diente der Turm als Zufluchtsort in kriegerischen Zeiten. Der heutige Eingang an der Südseite wurde erst 1756 eingebrochen. Er hat ein rechteckiges Sandsteingewände, dessen Sturz durch einen runden Mauerbogen gestützt wird. Im vorletzten Obergeschoss ist nach Süden eine rundbogige Doppelarkade eingemauert. Das Glockengeschoss hat dreibogige Schallöffnungen mit eingestellten Sandsteinsäulchen. In der Hochwand des Schiffes, in den Seitenschiffwänden und im Chor sind die Rundbogenfenster später erweitert worden.
Das Portal des nördlichen Seitenschiffs ist in ein Fenster umgewandelt worden. Das südliche Seitenschiff hat ein spitzbogiges Portal bekommen. Die Strebepfeiler sind spätere Anbauten.
Das Innere der Kirche betritt man durch die Erdgeschosshalle des Turmes. Sie ist mit einer Hängekuppel überwölbt. Durch eine nachträglich geschaffene Rundbogenöffnung kommt man in das klar gegliederte Mittelschiff. Es wird im Osten abgeschlossen durch das kräftig eingezogene Chorquadrat. Dieses wird durch ein Kreuzgratgewölbe überdeckt. Der enge Chorbogen vieler Waldecker Kirchen kommt also auch bei Basiliken vor.
Das Langhaus hat zwei Joche von etwa der Größe des Chorquadrates. Es wird überwölbt durch ein Kreuzgewölbe mit nach oben verlaufenden Graten. Die Seitenschiffe sind dagegen gurtlos tonnengewölbt. Interessant sind die Gewölbestützen des Mittelschiffs. Die Hauptpfeiler und Wandpfeiler treten so weit vor, dass sie die Vorlagen für Schildbögen übernehmen können. Die Vorlagen für die Gurtbögen sind dagegen unten gerundete Konsolen, die an den Pfeilern bis in die halbe Höhe des Raumes hinabreichen. Die kämpferlosen Arkaden zu den Seitenschiffen stehen seitlich auf den Mittelschiffpfeilern und auf einer schwächeren Stütze in der Mitte.
Die Seitenschiffjoche sind halb so groß wie ein Mittelschiffjoch. Man spricht in diesem Fall von einem Gebundenen System.
Die Ausstattung der Kirche ist durch Veränderungen ärmer geworden. Der blockförmige Altar hatte, wie mir aus der Literatur bekannt, einen geschnitzten Aufsatz von Heinrich Erdland von Adorf aus dem Jahre 1667. Er hatte zwei das Altarblatt flankierende Säulen und Ornamentohren. Die Ornamentik bestand aus derbem Knorpelwerk der ausklingenden Renaissance. Der Altaraufsatz musste entfernt werden, weil er von Holzwürmern zerfressen war. Heute steht ein halbhohes Kreuz mit eingeschnitztem Korpus des Gekreuzigten auf dem Altar. Die mächtige von Brützel 1709 geschnitzte Kanzel war mit üppigen Barockformen dekoriert, geflügelte Engelsköpfe und eine Taube im Strahlenkranz schmückten sie. Sie wurde an die Pfarrgemeinde Mellen abgegeben, um „die feierliche Würde des romanischen Innenraumes wiederzugewinnen.“
Auch die geschnitztes Taufe aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts rückte man aus dem Blickfeld und versetzte sie in das nördliche Seitenschiff. Auf geflügeltem Fuß ruht eine dicke achtseitige Platte zum Aufsetzen des Taufbeckens. Im Kantengesims der Platte sind hölzerne Schrifttafeln eingelassen, die von einer älteren Taufe stammen.
Die Kirche von Berndorf ist das klassische Beispiel einer gewölbten dreischiffigen querschifflosen Pfeilerbasilika Gebundenen Systems. Auch die Waldecker Basiliken, die im Folgenden beschrieben werden, sind nach diesem Bauschema errichtet worden.
So charakteristisch die Bauform der Kirche in Berndorf für das Waldecker Land ist, so wenig typisch ist die Entfernung der aus einer anderen Stilepoche stammenden Ausstattungsstücke aus dem romanischen Kirchenraum. Denn die Altaraufsätze, Kanzelaltäre und Kanzeln aus der Renaissance- und Barockzeit wurden nicht als störend empfunden sondern als Bereicherung des nüchternen romanischen Kircheninneren vieler Waldecker Dorfkirchen dankbar angenommen.

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3.11 Die St. Georg-Kirche in Mühlhausen

Die Mühlhauser Kirche stammt aus dem 12. Jahrhundert. Durch Schenkung wurde sie Eigentum des Klosters Boke, das kurz nach 1101 nach Flechtdorf verlegt wurde.
Sie steht mitten im Dorf auf dem geringfügig erhöhten ehemaligen Kirchhof. In der Bauform hat sie Ähnlichkeit mit der Kirche von Berndorf. Wie diese war sie ursprünglich eine romanische gewölbte Pfeilerbasilika Gebundenen Systems mit quadratischem Chor und Westturm. Durch Abbruch der Seitenschiffe im Jahre 1787 besteht sie heute aus dem verbliebenen Mittelteil.
Der wahrscheinlich ältere Turm bekam zu diesem Zeitpunkt einen verschieferten Fachwerkaufsatz und einen achtseitigen Spitzhelm mit vier Giebelchen. Das hohe ungegliederte Turmmassiv aus Bruchsteinen hat im Westen eine rundbogige Pforte.
Im Schiff wurden die Arkaden zum Mittelschiff vermauert, was außen am Mauerwerk noch zu erkennen ist. Die westliche Arkade an der Nordseite dient als Eingang. Er bekam 1844 einen Windfang aus Fachwerk. Die Rundbogenfenster im Schiff und im Chor wurden in der Barockzeit erweitert. Eine Ausnahme bildet das dreiteilige gotische Spitzbogenfenster an der Südwand des Chores.
Der Innenraum ist trotz der Reduzierung auf das Mittelschiff durchaus ansprechend. Die alten Seitenschiffarkaden erscheinen als Wandnischen. Die Kreuzgratgewölbe sind erneuert und sauber ausgeformt. Sie ruhen auf alten rundbogigen Wandauflagen. Im Schiff werden diese getragen von verdoppelten Wand- und Eckpfeilern, im Chor sitzen an der nördliche und südliche Wandbogen auf länglichen Konsolen, die zwei Meter über dem Fußboden endigen. Der Triumphbogen im wenig eingezogenen Chor, die Zwischengurtbogen und der westliche Wandbogen haben die gleiche Spannweite. Die weite Öffnung des Schiffes zum Chor und zum Turmraum ist einmalig und in Waldecker Kirchen sonst nicht üblich.
Die Mühlhauser Kirche hat eine schlichte Ausstattung. Der Altar ist groß und blockförmig. Auf seiner gemauerten Deckplatte steht neben Kreuz und Kerzen eine Jesusstatue. Die Kanzel aus Holz hat eine einfache Form, die Taufe ist aus Sandstein mit achtseitigem Baluster auf quadratischem Fuß.

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3.12 Die St. Veit-Kirche in Twiste

Die Twister Kirche ist die größte Gewölbebasilika im Waldecker Land und hat als einzige ein Querschiff. Seit früher Zeit (860) hatte das Kloster Corvey Besitz und Einfluss in Twiste. Das gemeinsame Patrizinium St. Vitus (Veit) weist auf diese Verbindung hin.
Die Kirche steht auf dem nördlichen Hang über dem Dorf. Ihr Bau wurde bereits im späten 11. Jahrhundert begonnen. Querhaus und Chor stammen aus dem 12. Jahrhundert. Der wuchtige Unterbau des Turmes entstand ebenfalls in einer früheren Bauperiode. Größere Veränderungen erfolgten 1559 durch Erweiterung des Querschiffes und 1772 durch Erneuerung des baufälligen Turmoberbaus.
Nähert man sich der Kirche vom Dorf aus, so fällt einem zuerst der mächtige Unterbau des Turmes mit seinem unregelmäßigen Quaderwerk auf. Eine rundbogige Tür an der Südseite sitzt in einer rundbogigen Vorlage und hat noch alte Eisenbeschläge. Blickt man durch diese Tür in den Turmraum, so ist man beeindruckt von dem ungewöhnlich starken Mauerwerk. Auch der rundbogige enge Treppenaufgang von der Turmhalle zum Obergeschoss entspricht der Bauweise einer Wehrkirche. Der jüngere Turmaufsatz mit seinem Pyramidenstumpf, seiner vierseitigen Laterne und seinem verschieferten Helm ist wesentlich schlanker.
Das Langhaus ist ein Sandsteinbau mit lagenhaft gemauerten Bruchsteinen. Das Mittelschiff wird von einem verschieferten Satteldach überdeckt. Unter den rundbogigen Obergadenfenstern senkt sich das Pultdach der Seitenschiffe ab, die ebenfalls Rundbogenfenster haben. Im südlichen Seitenschiff ist das Eingangsportal zur Kirche eingelassen. Die breiten Giebelwände des Querschiffes haben je zwei lange Rundbogenfenster. Unmittelbar an das Querhaus stößt die halbrunde Hauptapsis. Innen sind an der Ostwand des Querschiffes zwei Absidiolen ausgespart.
Im Inneren der Kirche ist die schlichte romanische Bauweise noch ungestört erhalten. Im Mittelschilf des Langhauses wechseln kräftige Hauptpfeiler mit schmalen Mittelstützen für die Arkadenbögen der Seitenschiffe ab. Die Gurt- und Schildbögen tragen die Kreuzgratgewölbe der beiden Mittelschiffsjoche, die Seitenschiffe werden durch eine gurtlose Längstonne mit Stichkappen überwölbt. Reste spätromanischer Ausmalung finden sich noch im Vierungsgewölbe (vier Lebensbäume als Hinweis auf das Paradies) und bei den Apsisfenstern (gemalte Arkadenbögen mit Säulchen). Die Schlichtheit des Innenraumes wird aufgelockert durch die reich geschnitzte Renaissance-Kanzel von Jost Schilling aus dem Jahre 1602. Zwischen den die Brüstung tragenden Ecksäulen sitzen Blendfüllungen, auf denen Christus und vier Apostel gemalt sind. Die Rollwerkkartuschen auf dem vorspringenden Sockel tragen Inschriften über Künstler und Entstehung der Kanzel. Im Apsisraum steht der blockförmige Altar mit einem großen Kruzifix. Die Taufe aus Sandstein hat ein achtseitiges Becken auf einer Säule über einem quadratischen Fuß. An dem nördlichen Hauptpfeiler hängt die aus Holz gefertigte Grabtafel der Pfarrersfrau Margarete Gertrud Stuwen, Mutter von sieben Kindern, die 1609 früh verstorben ist. An der Westwand des Turmraumes steht eine Grabtafel aus Gusseisen von 1762. Gusseiserne Grabtafeln aus dem Waldecker Raum sind auch in anderen Kirchen zu finden.

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3.13 Die St. Johannes-Kirche in Adorf

Adorf ist heute Verwaltungsmittelpunkt der Großgemeinde Diemelsee. Im Mittelalter war Adorf ein befestigter Marktort mit einer Burg in seiner Mitteund einer starken Wehrkirche. Selbst der Kirchhof oberhalb der Kirche wurde durch eine hohe Bruchsteinmauer geschützt.
Die Kirche ist wahrscheinlich eine Gründung des Klosters Corvey. Sie wurde 1180 bis 1190 erbaut und gehört zu den ältesten Stammpfarreien im nördlichen Waldeck. Bis 1215 war Adorf Sitz eines Archidiakons. Zu seinem Amtsbereich gehörten neben Adorf die Pfarreien Heringhausen, Flechtdorf, Schweinsbühl, Eimelrod und Usseln. Nach Auflösung des Archidiakonats wurde die Pfarrei dem Archidiakonat Horhusen (Niedermarsberg) eingegliedert.
Das Kirchengebäude ist eine gut erhaltene querschifflose Gewölbebasilika. Eindrucksvoll sind ihre einfachen aber kräftigen Formen. Wuchtig steht der kubische Block des Westturmes mit seinem Pyramidenhelm vor dem Kirchenschiff. Das Baumaterial besteht abgesehen von einigen Sandsteinen aus Kalkstein von der Hochfläche ostwärts von Adorf. Eine Pforte an der Südwand des Turmes war ursprünglich der einzige Zugang zum Innenraum. Der Eingang an der Nordseite des Langhauses besteht erst seit dem 18. Jahrhundert.
Das Hauptschiff ist in drei Joche mit querrechteckigem Grundriss unterteilt. Spätere Baumaßnahmen sind die Strebepfeiler und Schwibbögen, die dort ansetzen, wo aussen am Obergaden Blendnischen mit Doppelbögen die Jochgrenzen andeuten. Das mächtige Satteldach überdeckt auch das Chorquadrat. Die Seitenschiffe lehnen sich mit ihren Pultdächern an die Längsseiten des Mittelschiffs. Das nördliche endet mit einer Nebenapsis, das südliche hatte zunächst auch eine Absidiole. Die rundbogigen Obergadenfenster sind deutlich größer als die kleineren Fenster der Seitenschiffe. Ein nach unten verlängertes Fenster lässt auf beiden Seiten Licht in den Chorraum fallen. An der Ostwand schließt ihn eine halbrunde Hauptapsis mit einem halbkugeligen Dach ab. Ein Rundbogenfries unter seiner Traufe schmückt die Abrundung der Außenwand, die durch die verhältnismäßig großen Fenster unterbrochen wird.
Im Innenraum ist der Chor durch einen weiten gedrückten Triumphbogen vom Mittelschiff getrennt. Dieser wird von den auf hohen Sockelpfeilern stehenden Rundsäulen mit Würfelkapitellen getragen.
An den Seitenwänden des Chorraumes sind Reste der abgebrochenen Empore aufgestellt. Sie zeigen biblische Szenen und Wappen. Dahinter hat Gestühl Platz gefunden, ähnlich wie hinter der Arkadenwand in Goddelsheim.
Das Mittelschiff ist, wie in der Beschreibung des Äußeren der Kirche gesagt, in drei im Grundriss querrechteckige Joche unterteilt. Die Hauptpfeiler sind längsrechteckig im Querschnitt und nehmen die abgetreppten Vorlagen der kräftigen leicht gedrückten Gurt- und Schildbögen auf, die das kuppelige Kreuzgewölbe mit zum Scheitel hin laufenden Graten tragen. Auf jedes der drei Mittelschiffsjoche, an zwei Seitenschiffsjoche, die wegen der geringen Breite im Grundriss rechteckige sind. Gurtlose Kreuzgratgewölbe, die auf Wandpfeilern aufsetzen, durchlaufen die Seitenschiffe und von Westen nach Osten.
Durch ihren Reichtum an ornamentalen Formen nimmt die Kirche von Adorf eine Sonderstellung ein und lässt den Einfluss von St. Godehard in Hildesheim erkennen. Die Bauornamentik ist noch derb und charakteristisch für die Formen der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Die Würfelkapitelle der Rundsäulen sind mit flachen Reliefs in Form von Palmetten- und Flechtbandmustern geschmückt. Die Kämpfer der Haupt- und Nebenpfeilern zeigen plastische Relieffriese. Es wechseln naturalistische Palmetten- und Blattrankenfriese mit Schachbrettmustern ab.
Daneben gibt es auch einfachere Kämpferprofile mit Platte, Plättchen, Hohlkehle und Wulst, wie zum Beispiel an den Mittelstützen. Eine Besonderheit stellt ein Horizontalgesims dar, das die Seitenwände des Mittelschiffs gliedert. Es verläuft in Höhe der Kämpferplatten der Hauptpfeiler unmittelbar unter den Sohlbankschrägen der Obergadenfenster.
Ins Auge fallende Ausstattungsstücke sind Altaraufsatz und Kanzel. Der hohe geschnitzte Altaraufsatz wird von einem großen Kruzifix gekrönt. In der Mittelzone ist zwischen zwei gedrehten Säulen ein in Öl gemaltes Altarblatt angebracht, das das heilige Abendmal darstellt. Diese Arbeit wurde gegen Ende des 17. Jahrhunderts (1660) geschaffen. Die Kanzel mit Schalldeckel steht auf einem vierflügeligen Pfeiler und hat im Korb geschnitzte Blendfüllungen in Arkadenform. Rahmung und Innenfeld sind mit Beschlagwerk und Intarsien geschmückt. Auf einem Innenfeld ist das Waldecker Wappen und die Jahreszahl 1610 zu sehen. Im Chorraum ist eine Sakramentsnische aus gotischer Zeit eingelassen. In einem reich verzierten Kielbogenrahmen eingepasst, wird sie durch eine hübsche Gittertür verschlossen.

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3.14 Die St. Barbara-Kirche in Heringhausen

Heringhausen liegt an einer nordwestlichen Ausbuchtung des Diemelsees. Unweit des Ufers steht der Bruchsteinbau seiner Dorfkirche. Sie ist eine romanische Kleinbasilika und hat große Ähnlichkeit mit der Kirche von Berndorf. Wie diese ist sie 1180 errichtet worden, hat aber gröbere, bei der letzten Renovierung etwas geglättete Einzelformen. Blickt man von Nordosten auf die Kirche, so scheinen über drei Raumteile Chor, Hauptschiff und Turm deutlich voneinander abgesetzt und in der Höhe gestaffelt. Chor und Mittelschiff haben verschieferten Satteldächer, die niedrigen Nebenschiffe Pultdächer. Alle überragt das mächtige Turmmassiv mit seinem Pyramidenhelm. Im Glockengeschoss sind zu den Seiten hin je zwei rundbogige Schallöffnungen mit eingestellten Doppelarkaden und Mittelsäulchen sichtbar. Sie kommen in ähnlicher Form auch in anderen Kirchen, wie zum Beispiel in Flechtdorf, vor und sind ein Hinweis auf die Entstehung im 12. Jahrhundert.
Im Langhaus wurden die Obergadenfenster im 19. Jahrhundert vergrößert, um eine größere Helligkeit im Innern zu erzielen. Das schlichte Rundbogenportal im nördlichen Seitenschiff ist der einzige Zugang zum Innenraum. Beide Seitenschiffe hatten ursprünglich eine Ostabsis. Nur die Grundmauer einer Apsis ist noch am südlichen Seitenschiff erhalten.
Der Innenraum der Kirche an hat noch seine romanische Raumgliederung. Chor und Mittelschiff haben ein kuppeliges Gewölbe mit angedeuteten Graten. Der Triumphbogen des nur wenig eingezogenen Chores es ist stark gedrückt. Der östliche Wandbogen des Chorquadrates ruht auf länglichen Konsolen, die bis in halber Höhe des Raumes an den Eckpfeilern herablaufen.
Im Mittelschiff haben die querrechteckigen Hauptpfeiler nur schwach ausgebildete Kämpfer. Die Gurtbogen sitzen auf Vorlagen von Viertelkreiskonsolen, die den Hauptpfeilern anliegen. Die Seitenwände des Hauptschiffes sind zweizonig: Obergaden und Arkaden. Die Arkaden zu den Seitenschiffen sind einfach in die Wand ein geschnitten, die Mittelstützen haben keine Deckplatten.
Die Seitenschiffe bedecken gurtlose Tonnengewölbe mit Stichkappen. Am Ostende des südlichen Seitenschiffes hängt in einer rundbogigen Blende ein Kruzifix, das vermutlich von dem früheren Hochaltar stammt. Dieser Raum wurde früher als Feierkapelle genutzt. Im nördlichen Seitenschiff ist die Skulptur der heiligen Barbara aufgestellt, ein süddeutsches Kunstwerk von etwa 1500. An dem beigegebenen Turm erkennt man, dass es sich um die Schutzpatronin der Kirche handelt, die als Märtyrerin in einem Turm gefangen gehalten wurde. Die drei Holztafelbilder an der Westwand des Mittelschiffes sind Reste des früheren Hochaltars. Ihre Entstehung wird für 1690 bis 1700 angenommen. Sie stellen das Jüngste Gericht und die Apostel Paulus und Petrus dar.
Der Altar ist im Zuge der letzten Renovierung aus Adorfer Muschelkalk neu errichtet worden, ebenfalls die Kanzel und der Taufstein sind aus dem gleichen Material. Das frühere Altarbild, eine frühe Kopie des Abendmahlgemäldes von Peter Paul Rubens von 1632 hängt jetzt an der Ostwand des Chores.

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3.15 Die ehemalige Klosterkirche in Flechtdorf

Flechtdorf wurde erstmals 830 in einer Urkunde des Klosters Corvey erwähnt. Nach Flechtdorf verlegte Graf Bopho von Padberg sein 1101 in Boke an der Lippe gestiftetes Kloster. Hierhin zogen Benediktinermönche aus dem Mutterkloster Abdinghof bei Paderborn.
Die Klosterkirche wurde 1160 bis 1190 in basikaler Form begonnen und Anfang des 13. Jahrhunderts als Hallenkirche fortgeführt. Ein verheerender Brand zerstörte 1339 den Ostteil der Kirche. Bei Wiederherstellung 1669 baute man ihn nicht mehr auf. An seine Stelle setzte man eine glatte Abschlusswand ohne Chor.
Nach Auflösung des Klosters im Jahre 1580 dienten die Gebäude als Hospital für Arme und Kranke. Die Landwirtschaft wurde als Gutsbetrieb weitergeführt. Die Klosterkirche diente als evangelische Gemeindekirche. Reste der Klosterbauten und spätere Erweiterungsbauten sind südlich der Kirche zu sehen.
Der Kirchenbau wurde aus unregelmäßigen Kalksteinquadern errichtet. Im Außenbau noch sichtbar, sind sie innen jedoch durch ockerfarbigen Anstrich mit auf gemalten Fugen verdeckt.
Beherrschend ist die eindrucksvolle Doppelturmfassade des Westhauses, die einzige in Waldeck. Das schmale Querschiff dahinter überragt den Bau nicht. Die Baukörper der Türme sind ungegliedert, aber durch Schallarkaden und Rundbogenöffnungen aufgelockert. In diese Öffnungen sind Doppelarkaden mit Mittelsäulchen eingestellt. Die Arkadenssäulchen haben Würfel-, Block- und Kelchblattkapitelle. Die verschieferten Turmdächer sind Pyramidenförmig. Zwischen den Türmen befindet sich das einfache getreppte Westportal. Das Tympanon im Rundbogen ist noch unverziert. Das Wulstprofil des Sockel wurde um das Portal herum geführt und im Portalscheitel zu einem Oval mit verzierendem Blattwerk verschlungen. An sich ist eine solche Portalgestaltung ein Typicum für die Hirsauer Schule, aber auch dem allgemeinen Zeitstil entsprechend. Ein zweites Portal besteht am südlichen Seitenschiff.
Betreten wir den Innenraum durch das Westportal, umgeben uns die hallenförmigen Räume des Westbaus, des Turmjochs und des Querschiffes. Hier sind das Mittelschiff und die Seitenschiffe gleich hoch. In der Südwand des Westquerschiffes ist ein flaches bogenförmiges Sandsteinrelief eingelassen. Es zeigt ein geflügeltes Drachenfabelwesen, das den Kopf verdreht und ein Pflanzenornament verschlingt. Es ist vermutlich das ehemalige Tympanon eines Portals und eine besondere Kostbarkeit dieser Kirche.
Im anschließenden zweijochigen Mittelschiff des Langhauses tragen kräftige langrechteckige Hauptpfeiler mit abgetreppten Vorlagen die breiten Gurt- und Schildbögen, auf denen die gekuppelten Kreuzgratgewölbe des Mittelschiffs ruhen. Seine Nordseite lässt noch deutlich die Bauform der Gewölbebasilika Gebundenen Systems erkennen. Im nördlichen Seitenschiff ruhen die Gurtbögen auf kurzen Vorlagen über Halbkreiskonsolen, eine Erinnerung an die Mittelschiffkonsolen der Klosterkirche in Lippoldsberg.
Dagegen zeugt die Südseite des Mittelschiffs von dem Umbau der Basilika in eine Hallenkirche. Dabei wurde das Seitenschiff auf gleiche Höhe mit dem Mittelschiff gebracht und die Obergadenwand zwischen den beiden Raumteilen mit ihren Arkaden heraus gebrochen. Auf ein Joch des Mittelschiffs kommt jetzt ein Seitenschiffsjoch. Die Gewölbebogen, die das Kreuzgratgewölbe tragen, ruhen auch in diesem Seitenschiff auf Vorlage über Halbkreiskonsolen. Interessant ist das dreiteilige Spitzbogenfenster der Südwand über der Höhe des ursprünglichen Seitenschiffs. Die eingestellten Säulen und Wulstformen weisen auf den rheinisch-westfälischen Übergangsstil von der Spätromanik zur Frühgotik hin. Die nördliche Seitenschiffswand musste man auf die Höhe des Mittelschiffs hochmauern, damit man einer Auflage für das alle drei Schiffe überspannende Satteldach bekam.
Altar und Kanzel schenkte das Waldecker Fürstenhaus der Kirche bei der Renovierung 1907. Die kelchförmige Taufe ist älter. Sie stammt aus dem Jahr 1513 und trägt an seinem oberen Rand eine Umschrift in gotischen Minuskeln. Das Chorgestühl im südlichen Seitenschiff stammt aus dem Kloster Volkardingshausen.

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3.16 Die Kirchenruine in Alt-Rhoden

Die älteste Siedlung Alt-Rhodens lag etwa einen Kilometer nördlich der heutigen Stadt und war ursprünglich Besitz des Klosters Corvey. Hinter einer Baumgruppe liegt heute inmitten des ummauerten Friedhofs die Ruine der ehemaligen Pfarrkirche St. Martin und St. Bartholomäus. Der Ort lag bis zum 14. Jahrhundert an dieser Stelle, wurde dann aber an den heutigen Platz verlegt. Noch 1817 wurde die Kirche als Begräbniskirche für die umliegenden Ortschaften genutzt, wovon die vielen Grabsteine zeugen. Sie verfiel aber um 1850 zur Ruine.
Von der Mitte des 12. Jahrhunderts entstandenen und später erneuerten Gewölbekirche blieben als Ruine nur die Vierung und das Westjoch des Chores erhalten. In der südlichen Abmauerung der Vierung wurde nachträglich ein Portal mit einem romanischen Tympanon aus dem 12. Jahrhundert eingemauert
Das unbeholfen-grobe, zum Teil nur geritzte Flachrelief stellt die Ausgießung des Heiligen Geistes dar. Am Türsturz steht inmitten der 12 Apostel Maria. Über ihr trohnt in einer Mandorla als Halbkreisfigur Christus, darunter die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes. Von ihr führen Linien zum Kopf Marias und der Apostel. Seitlich sind rechts ein Löwe und links ein Panter abgebildet. Sie sollen wohl die Glaubensstärke symbolisieren.

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3.17 Die Dorfkirchen in Sudeck und Lengefeld

Kirche in Lengefeld
von Norden

In der Reihe der romanischen Saalkirchen des Untersuchungsgebietes gehören auch die Kirchen von Sudeck und Lengefeld. Obwohl wir sie nur flüchtig betrachten konnten, möchte ich Sie doch erwähnen.
Die spätromanische Kirche von Sudeck liegt im Vorupland nahe Adorf. Die St. Maria-Kirche von Lengefeld am Gebirgsrand im Nahbereich von Korbach. Beide waren über zwei fast quadratischen Jochen gewölbt. Die Lengefelder Kirche bekamen allerdings nach der Zerstörung im 30-jährigen Krieg eine Flachdecke. Für beide Kirchen ist der gerade Chorabschluss bezeichnend. Das Spitzbogenportal in Sudeck wurde nachträglich eingebaut.

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4. Einflüsse und Zusammenhänge

Beim Rückblick auf die Kirchenporträts lassen sich einige übergreifende Wesenszüge der Waldecker Dorfkirchen finden. In der Kirchenorganisation des frühen Mittelalters ist der Einfluss des Klosters Corvey bestimmend, und architektonisch macht sich die Beeinflussung der Kirchenbauten durch die Lippoldsberger Bauschule bemerkbar. Von diesen Zusammenhängen soll nun die Rede sein.

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4.1 Der Einfluss des Klosters Corvey

Die Kirchen im nördlichen Waldeck gehörten im frühen Mittelalter fast alle dem Archidiakonat Horhusen (Niedermarsberg) an und unterstanden damit dem Bischof von Paderborn, der der Diözesanbischoff war. Dieser hatte aber trotzdem nur geringen Einfluss, denn er hatte im nördlichen Waldeck kaum Besitz. Dagegen war die Benediktinerabtei Corvey zur bedeutendsten Grundherrschaft in diesem Gebiet heran gewachsen. Im 11. Jahrhundert war Corvey in den meisten Waldecker Orten begütert. Eine wichtige Aufgabe des Klosters war die Vermittlung des christlichen Glaubens. Auf den weit gestreuten Besitzungen und auch anderwärts entstanden unter dem Einfluss des Klosters zahlreiche Kirchen. Von Adorf zum Beispiel, weiß man, dass die Kirche eine Gründung Corvey es ist.
Vielfach deuten Vituspatronizien auf den Einfluss der Abtei hin. Der heilige Vitus ist Schutzpatron der Kirchen von Twiste und Immighausen. Die meisten der genannten Kirchen standen im engen Patronatsverhältnis zu dem Kloster Corvey. Hier war die Abtei der alleinige Träger und der Pfarrseelsorge. Auch kulturell gingen Einflüsse von ihr aus.
Nach den Forschungen von Albert Hömberg war im ältesten Sprengel der Missionszelle, der Kirche auf der Eresburg (an der Stelle des heutigen Obermarsbergs), allein der König Verfügungsberechtigt, und das auch nach der Gründung des Bistums Paderborn. Durch königliche Schenkung ist die Kirche auf der Eresburg im Jahre 826 in Besitz der kurz zuvor gegründeten Abtei Corvey gelang. Mit dieser Kirche hat Corvey die zu ihr gehörten Zehnten übertragen bekommen. Sie blieb auch in den kommenden Jahrhunderten in Corveyer Besitz. Das Corveyer Zehntengebiet reichte von Süden bis zu einer Linie nach Ottlar, Schweinsbühl, Flechtdorf, Mühlhausen und Twiste. Die ältesten Pfarrkirchen unter Corveyer Patronat waren die Kirchen von Adorf und Twiste. Die südlich angrenzenden Gemarkungen wie Rhena und Usseln entrichteten ihren Zehnten an den Bischof von Paderborn.
Auch außerhalb des Corveyer Patronatsbezirkes hörte der Einfluss der Abtei nicht auf. Ein Beispiel ist die Gründung des Klosters Schaaken in der Gemarkung von Lichtenfels-Goddesheim.
Der Corveyer Einfluss wurde erst im 11. Jahrhundert durch eine Reihe von grundherrlichen Eigenkirchen geschmälert.

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4.2 Die Beeinflussung der Waldecker Kirchenbauten durch die Bauschule von Lippoldsberg

Eine ähnliche Bedeutung wie das Kloster Corvey für die Kirchenorganisation hatte das Benediktinerkloster Lippoldsberg für die Kirchenbauten in Waldeck. Die von 1142 bis 1152 erbaute Lippoldsberger Klosterkirche ist die erste vollständig gewölbte Basilika in Hessen. Ihr Einfluss auf die Architektur des 12. Jahrhundert beruht vor allem auf ihrem Wölbungsbau. Die von Lippoldsberg ausgehende Bauschule breitete sich im südlichen Niedersachsen, im südöstlichen Westfalen und in Nordhessen aus. Über Westfalen (Gehrden und Lüdge) gelangten die Bauanregungen von Lippoldsberg nach Flechtdorf. Seine Klosterkirche war ihrerseits wieder Vorbild für eine größere Gruppe von Gewölbebauten in Waldeck. Nahe Beziehungen zwischen Flechtdorf, Berndorf und Heringhausen, zwischen Adorf, Schweinsbühl und Sudeck, zwischen Rhena und Immighausen deuten an, wie der Einfluss von Lippoldsberg weitergegeben wurde.
Die Klosterkirche von Lippoldsberg ist eine dreischiffige Basilika mit ausladendem Querschiff und halbrunder Apsis (B 7). Beim Außenbau sind die kubischen Bauteile unverzahnt aneinandergereiht.
Auch der Innenraum besitzt eine kubische Organisation. Denn er ist nach dem Gebundenen System gegliedert. Als Maßeinheit legt man der Wölbung das Vierungsquadrat zugrunde. Er kehrt im Chor, in den Querhausarmen und im Mittelschiff wieder. Zwei Arkadenjoche des Seitenschiffs werden immer unter einem Gewölbejoch des Mittelschiffs zusammengefasst. Im Sinne des Gebundenen Systems ist jeder Langhauspfeiler stärker ausgebildet und mit einer Rechteckvorlage für die Schildbögen ausgestattet. Das Besondere von Lippoldsberg ist nun, dass an den Hauptpfeilern etwa in halber Raumhöhe über Viertelkreiskonsolen die Vorlagen für die Gurtbögen ansetzen. Die Gurt- und Schildbögen tragen das mächtige kuppelige Kreuzgratgewölbe. Jedes Gewölbejoch des Mittelschiffs wird durch zwei Arkaden auf quadratischen Mittelpfeilern getrennt. Ihre abgeschrägten Ecken sind mit eingestellten schlanken Säulen besetzt. Über den Arkaden liegt ein Horizontalgesims, dessen Schräge durch ein Schachbrettfries verziert ist. Die Seitenschiffe haben keine Gurtbögen, sondern eine durch laufende Kreuztonne.
Nach dieser kurzen Charakterisierung der Lippoldsberger Kirche wollen wir der Frage nachgehen, wie sich ihre Vorbildfunktion auf die Waldecker Kirchen auswirkt. Einen Hinweis bildet die Außenansicht der Kirche von Twiste. Sie hat eine so große Ähnlichkeit mit dem Außenbau von Lippoldsberg, dass man meinen könnte, sie sei im ganzen eine Rezeption von ihr. Aber die architektonische Nachfolge geschieht nun nicht durch Wiederholung des Vorbildes, sondern die vorgegebenen Formenelemente werden unterschiedlich kombiniert und zum Teil auch in Form und Lokalisation verändert.
Beim Gesamtbau sowohl der Saalkirchen wie auch der Basiliken in Waldeck ist die kubische Addition der Bauteile offensichtlich von Lippoldsberg übernommen worden. Chor, Langhaus und Turm sind bei den Waldecker Kirchen stark voneinander abgesetzt. Im Innenraum der Basiliken ist überall das Gebundene System wie beim Vorbild angewandt worden. Auch das kuppelige Kreuzgratgewölbe ist fast auf alle Kirchen übertragen worden. Das Typicum von Lippoldsberg in der Gewölbekonstruktion, das Abkragen der Gurtbögen über Viertelkreiskonsolen ist teilweise in klassischer Form wiederholt worden. Zu einem Teil wurde es aber auch an anderen Gewölbebögen platziert. (Beispiele für beides möge der Leser an den Abbildungen ersehen.)
Eingestellte Säulen an den Zwischenpfeilern der Seitenschiffarkaden kommt nicht vor, es sei denn man rechnet die Eckpfeilersäulen in Nieder-Ense oder die mächtigen eingestellten Säulen an die Chorbogenpfeilern in Adorf dazu. Das Horizontalgesims an den Langhaus- und Chorwänden ist nur bei der Adorfer Basilika und bei der Immighauser Saalkirche weitervermittelt worden.
Trotz solcher Einschränkungen ist es erstaunlich, wie weit Bauideen von Lippoldsberg bei den Waldecker Dorfkirchen übernommen und verwirklicht wurden.

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5. Literatur

Balskes-Feldheller:
Kunstwanderungen in Hessen, Stuttgart-Zürich 1979
Böcker, Hans-Josef:
Die Lippoldsberger Bauschule in Baukunst des Mittelalters in Europa, Stuttgart 1988
Dehio, Georg:
Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Bd. Hessen,
München 1982
Ganßauge, Gottfried, Bearb.:
Bau- und Kunstdenkmäler, Kreis des Eisenbergs, Kassel 1939
Ganßauge, Gottfried, Bearb.:
Bau- und Kunstdenkmäler, Kreis der Twiste, Kassel 1938
Gerlach, Heinz:
Der Kirchenkreis Twiste, Arolsen 1993
Goecke-Seischab, Margarete Luise und Ohlmacher, Jörg:
Kirchen erkunden, Kirchen erschließen, Lahr 1998
Goßmann, G. Ulrich und Hoppe, Katherina:
Nördliches Hessen, Du Mont, Köln2 1991
Häring, Friedhelm und Klein, Hans:
Hessen, Du Mont, Köln6 1985
Hennemann, Jürgen:
Formenschatz der Romanik, Würzburg 1993
Hömberg, Albert K..:
Studien zur Entstehung der mittelalterlichen Kirchenorganisation in Westfalen, in Westf. Forschungen Bd. 1943-1952, Münster 1953
Jockel, Rudolf und Schiefner, Helmut:
1200 Jahre Christentum im Land an Eder und Diemel, Korbach o. J.
Kiesow, Gottfried:
Romanik in Hessen, Stuttgart2 1998
König, Horst, Bearb.:
Ferienland Waldeck, Sehenswürdigkeiten und Geschichte, Korbach/Bad Wildungen o. J.
Lobedey, Uwe:
Romanik in Westfalen, Würzburg 1999
von Metzsch, Friedrich-August:
In Bildern Gott begegnen. Die vier Symbole der Christenheit: Lamm, Kreuz, Monogramm Christi, Fisch, München 2000
Neumann, Michael:
Ein Streifzug durch die Bau- und Kunstgeschichte in Land an Eder und Diemel, Korbach o. J.
Nieschalk, Albert:
Schrecken- und Neidköpfe in Waldeck, Waldeckischer Landeskalender 1950
Nieschalk, Charlotte und Kulik, Jens:
Josias Wolrat Brützel, ein waldeckischer Bildhauer in Land an Eder und Diemel, Korbach o. J.
Roth, Hermann Josef:
Hessen, Kunstführer, München 1986
Thümmler, Hans und Bodenheuer, Friedrich:
Romanik in Westfalen, Münster 1973

Information über Waldecker Kirchen, Verfasser meist nicht bekannt, z. T. Auslagen in den Kirchen, stellvertretend: Pfarrer Koch, Die evangelische Kirche in Nieder-Ense

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